Geschichte

[Stuttgart 2000]

Vom Tanztee zu HipHop und Internet-Cafe

Vor 50 Jahren wurde der Stuttgarter Jugendhaus e.V. gegründet. Heute betreibt der Verein mit 360 Mitarbeiter/innen 37 Einrichtungen im ganzen Stadtgebiet und ist damit der zweitgrößte freie Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland.

 

Das erste vom Verein eröffnete Jugendhaus war das „Mitte" in der Hohe Straße. Als es 1952 seine Pforten öffnete, zählten seine fünf Mitarbeiter bis zu 1000 Besucher pro Tag. Sie entwickelten ein umfangreiches Programm, um den teilweise auf der Strasse wartenden Jugendlichen für einige Stunden ein Freizeitangebot zu bieten.

Doch bis es soweit kam, hatten die Gründer des im Oktober 1950 eingetragenen Vereins eine beachtliche Wegstrecke zurückzulegen. Einigkeit herrschte nur in dem Punkt, dass die Jugendlichen im kriegszerstörten Stuttgart dringend einen Ort der Begegnung brauchten.

Die amerikanische Militärverwaltung koordinierte den Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen. Sie legte großen Wert darauf, nationalsozialistische Tendenzen unter den Jugendlichen zu unterbinden. Deshalb hatte sie es abgelehnt, die Kinder- und Jugendarbeit allein unter staatliche Aufsicht zu stellen. Sie unterstützte die Idee, Stadtverwaltung sowie Bürgerinnen und Bürger sollten einen gemeinsamen Verein gründen. 1953 überließen sie dem Stuttgarter Jugendhaus e.V. die drei zur „Umerziehung der deutschen Jugend" geführten Häuser.

Nicht immer war das Verhältnis von Jugendlichen, Stadtverwaltung und Verein so ungetrübt wie in der Anfangszeit. „Damals in den 50er Jahren waren die Jugendlichen politisch sehr zurückhaltend und vertraten eher einen ohne-mich-Standpunkt, was Fragen wie Wiederaufrüstung oder Atombombe betraf", erinnert sich Walter Häbe, Mitarbeiter der ersten Stunde und bis in die 90er Jahre Geschäftsführer des Vereins. „In den Werkstätten wurden aus der Not heraus überwiegend Gebrauchsgegenstände gefertigt, Stühle, Wasserkrüge oder Kleider. Für die Jugendlichen war vor allem das Gemeinschaftserlebnis wichtig, etwa beim Tanztee oder beim Sport."

Ende der 60er Jahre kam ein neues Lebensgefühl auf. In den Jugendhäusern, mittlerweile schon neun, wurden der offene Bereich und die Gastronomie aus- und die Werkstätten zurückgebaut. Aus der Rebellion gegen die Eltern wurde eine Rebellion gegen das Establishment. In den Jugendhäusern trafen sich viele Jugendliche, um zu diskutieren und mit „ihrer" Beatmusik zu experimentieren. Basteln war „out", in den Werkräumen wurde Kunst fabriziert.

In den 70er Jahren formierte sich in den Jugendhäusern der Widerstand gegen die traditionelle Pädagogik. Hinter dem Schlagwort Selbstverwaltung stand die Idee, dass Erwachsene die Kinder nicht erziehen, sondern bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützen sollten.

Außerhalb des Jugendhaus e.V. entstanden mehrere selbstverwaltete Jugendhäuser und die ersten Jugendfarmen. Das motivierte den Gemeinderat, die Finanzen für weitere Häuser zu genehmigen. Allein in den 70er Jahren eröffneten neun neue Kinder- und Jugendhäuser. Mit dem Spielmobil "Mobifanten" erhielt auch die Arbeit mit Kindern neuen Aufschwung. Bis unters Dach mit Material für kreatives Spielen gefüllt, fährt der kleine Laster seither zahlreiche Spielplätze in unterversorgten Stadtvierteln an.

Zu Beginn der 80er Jahre stellten Mitarbeiterinnen des Vereins bei einer internen Auswertung fest, dass Jugendhäuser bislang überwiegend Jungenhäuser gewesen waren. Deshalb arbeiteten sie Angebote aus, die sich ausschließlich an Mädchen richteten. Auch andere Gruppen stellten neue Anforderungen an die Pädagogen: Viele Kinder sogenannter Gastarbeiterfamilien besuchten die Häuser, die ebenfalls spezielle Angebote brauchten.

In Wangen entstand das erste von Jugendlichen selbst erbaute Jugendhaus: von Architekturstudenten nach den Vorstellungen der Jugendlichen geplant und überwiegend durch Spenden finanziert.

Wo sich früher Cliquen trafen, zusammen feierten und debattierten, stellen sich heute Jugendliche aus dem Gesamtangebot ihr persönliches Programm zusammen. Aus Tanzabenden-: mit Live-Musik sind Discos oder HipHop-Parties geworden. Bis heute sind die Stuttgarter Jugendhäuser Talentschmieden für trendige Bands. Wo früher getont und gedrechselt wurde, stehen heute Computer. Im Jugendhaus Mitte wurde das erste nicht-kommerzielle Internetcafe der Stadt eröffnet. Die Jugendhäuser wandeln sich mit der Zeit und prägen die Zeit mit.