Geschichte | 1970er Jahre

Rolf Lehmann,
1972-84 Vorsitzender des Stuttgarter Jugendhaus e.V.

Rolf Lehmann (Jahrgang 1937) hatte Erfahrung als Jugendreferent der Evangelischen Kirche und Gemeinderatsmitglied. Zwölf Jahre lang prägte er als Vorsitzender das Profil des Stuttgarter Jugendhaus e.V., bevor er 1985 Bürgermeister in Stuttgart und 1992 Ministerialdirektor im Sozialministerium wurde.

In politisch aufgeheizter Zeit

"Wenn ich an die Zeit Anfang der 70er Jahre zurückdenke, dann sehe ich eine Phase des Umbruchs. Die Studentenrevolte hatte die Jugendlichen erreicht und sie trugen die gesellschafts-politischen Fragen in die Jugendhäuser. Es gab bereits "Randgruppen"wie ausländische Jugendliche oder die Drogenproblematik.

Die Jugendlichen wollten nicht mehr nur betreut sein, sondern sich selbst verwirklichen und Verantwortung übernehmen. Es wurden Hausräte gewählt mit Stellvertretern von Jugendlichen, die das Programm in "ihren" Häusern mitbestimmten."

Es gab einen großen Bedarf an neuen Einrichtungen, die dieser Entwicklung gerecht werden sollten. Jetzt wurden Häuser gebaut, die die Jugendlichen annehmen und selbst gestalten. Da zu diesem Zeitpunkt der Stadt das Geld ausging, entstanden die Blockhäuser in einfacher Holzbauweise oder das Spielhaus im Schlossgarten konnte von der Bundesgartenschau übernommen werden. Auch die Spielmobile "Mobifanten"und die zahlreichen Jugendfarmen nahmen ihren Anfang.

"Der Stuttgarter Jugendhaus e.V. erreichte eine große Ausdehnung seiner Arbeit. Gleichzeitig gab es im Gemeinderat starke Auseinandersetzungen, der Verein sei linksradikal, weil die politische Diskussion offen geführt wurde und es immer Kräfte gab, die die Gelder deshalb kürzen wollten. Insgesamt war es eine politisch sehr aufgeheizte Zeit, es wurde sehr emotional um Sachen gekämpft, die heute selbstverständlich sind. Das war einerseits belastend, im Rückblick aber sehr erfreulich, weil es eine positive Entwicklung gab: wir hatten mehr Besucher, mehr Programm und mehr politische Auseinandersetzung. Und das Schöne war, dass wir die Probleme nicht unter den Teppich gekehrt haben. Wir wollten den Anforderungen der Jugendlichen Rechnung tragen und etwas anders machen. Denn sie sollten ja Antworten auf ihre Fragen finden. In dieser Zeit gab es für die offene Jugendarbeit viele inhaltliche Schritte nach vorn."