Der Vielfalt gehört die Zukunft

Hand aufs Herz, liebe Leserin und lieber Leser,
wie halten Sie es mit der Vielfalt? Ist es nicht anstrengend, sich immer wieder auf Neues einzulassen – oder empfinden Sie das anregend und bereichernd? Für uns vom Stuttgarter Jugendhaus e.V. gehört die Vielfalt zum Arbeitsalltag. Auch wenn sie uns fordert: Sie inspiriert uns entsprechend! 2006 dominierte mit der Fußballweltmeisterschaft vier Wochen lang eine fröhliche kulturelle Vielfalt unsere Landeshauptstadt. Kulturelle Vielfalt bestimmt schon lange das Denken und Handeln von Heranwachsenden – heute tut sie das in zunehmendem Maße. In ihren Freizeit-, Schul- und Ausbildungsleben ist kulturelle Vielfalt ein Erfolgsfaktor geworden. Oder ein Misserfolgsfaktor. Deshalb hieß und heißt ein Topthema der Offenen Jugendarbeit: Migration. Auch, weil immer mehr Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund stammen. Wir formulieren es so: Unsere Zielgruppe ist international. Denn das beschreibt die positiven Möglichkeiten, die folgenden Tatsachen innewohnen:

Migration ist eine gesellschaftliche Herausforderung. Deutschland ist ein Einwanderungsland – allein in Stuttgart sind über 50 Prozent aller Heranwachsenden Migranten. Von den knapp 600.000 Einwohnern sind 200.000 im Ausland geboren – hier leben Menschen aus 170 Nationen, die 120 verschiedene Sprachen sprechen. Was für eine Bereicherung! Wir wollen diese interkulturellen Kompetenzen nutzen. Deshalb ist das Ziel aller Anstrengungen der Offenen Jugendarbeit, eine Bewusstseinsveränderung zu erreichen. Die kulturelle und sprachliche Vielfalt unserer Gesellschaft muss im Denken und Handeln verankert werden. Wir wollen dazu beitragen, dass sich das gegenseitige Wissen und Verständnis vertieft. Erst dann können wir die internationale Bereicherung nutzen.

Heranwachsende mit Migrationshintergrund werden oft benachteiligt: sozial, in Fragen der (Aus-) Bildung und gesundheitlich. Neben den „normalen“ Entwicklungsherausforderungen deutscher Jugendlicher stehen sie vor weiteren Problemen: kulturelle Unterschiede des Elternhauses, Diskriminierung, schulische Benachteiligungen… Offene Jugendarbeit setzt mit ihrer Aktivität im außerschulischen Bildungsbereich an: Gerade hat eine umfassende Untersuchung an Münchner Kinder- und Jugendhäusern bestätigt: die Freizeiteinrichtungen der Offenen Jugendarbeit besitzen für die Integration eine herausragende Bedeutung. Auch in Stuttgart gilt dies: Unsere Sozialarbeiter in den Schulen, unsere Betreuer in den Horten, unsere Mitarbeiter in den Einrichtungen – sie alle arbeiten daran, mit vielfältigen Angeboten die Hürden abzubauen, die junge Migranten heute noch überwinden müssen. Allen dafür einen herzlichen Dank!

Migration wirkt bis in die Ausbildung hinein: Seit 1994 ist der Anteil ausländischer Auszubildender von 9,8 auf 4,4 Prozent gesunken. Die für unsere Gesellschaft so wichtige Integration gelingt aber nur, wenn junge Migranten eine gute berufliche Perspektive haben – wie die Bundesbeauftragte für Migration, Maria Böhmer jüngst formulierte. Deshalb kommt die Offene Jugendarbeit mit allen ins Gespräch: Eltern muss die Wichtigkeit von Ausbildung auch für Mädchen vermittelt werden, Ausbildern, dass hier die Führungskräfte der Zukunft an ihre Tür klopfen. Dies hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände so formuliert: Interkulturelle Kompetenzen seien die Schlüsselkompetenzen der Zukunft! Ein Studienergebnis des Deutschen Jugendinstituts zeigt zudem auf: Sind ausländische Auszubildende erstmal in einem Betrieb aktiv, klappt die interkulturelle Zusammenarbeit ohne große Probleme.

Und die Heranwachsenden – wie reagieren sie auf die Herausforderungen? Auch hier macht uns eine wissenschaftliche Untersuchung Mut. Die Shell Jugendstudie 2006 hat klar aufgezeigt, dass sich Jugendliche – obwohl sie zunehmend unter Druck geraten – weiterhin pragmatisch mit ihrer Zukunft auseinander setzen. Sie schätzen ihre Lage realistisch ein – und davon sind viele Hauptschüler zunächst frustriert. Dennoch nehmen nachweislich gerade sie vermehrt und schneller an Nachhilfe- und Förderangeboten teil. Der Stuttgarter Jugendhaus e.V. unterstützt Jugendliche in schwierigen Situationen handfest und bedarfsorientiert – zum Beispiel, in dem er Auszubildenden und Betrieben, die in Schwierigkeiten miteinander geraten sind, konkrete Lösungswege aus Konflikten und Krisen bietet. Oder: in der Projektkooperation „Zukunftswerkstatt“. Wie wir gemeinsam mit der Star Care Stiftung und der SBR benachteiligten Jugendlichen konstruktiv und praxisnah weiterhelfen, lesen Sie hier im Jahresbericht 2006 unter "Praxistraining für das Berufsleben".

Zur Vielfalt des Jahres 2006 gehörte vereinsintern eine wichtige Weichenstellung: Ende des Jahres machten Gemeinderat und Mitgliederversammlung den Weg frei für eine neue Rechtsform. Im nächsten Jahresbericht werden Sie deshalb von uns als Stuttgarter Jugendhaus gGmbH lesen. Damit sind wir besser aufgestellt für die zahlreichen Herausforderungen an die Offene Jugendarbeit. Wir freuen uns darauf. Lesen Sie also diesen letzten Jahresbericht des Stuttgarter Jugendhaus e.V. mit besonderer Muße – und bleiben Sie uns und unserer Arbeit auch in der neuen Rechtsform gewogen.

Herzlichst Ihr

Sieghard Kelle
Geschäftsfüher, Stuttgarter Jugendhaus gGmbH